Prof. Dr. Sigrid G. Köhler ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaften an der Universität Tübingen mit einem Schwerpunkt für die deutschsprachige Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Bereiche Recht und Literatur, Postcolonial und Critical Race Studies, Materie- und Körperdiskurse, Medialität und Ästhetik des populären Schreibens. Aktuell forscht sie zu Menschenrechten als Redeform, zur transatlantischen Kulturgeschichte und zu Globalität und Diversität in der deutschen Literatur. Sie ist mit Fellowships und Förderungen der Alexander von Humboldt-Stiftung und der VolkswagenStiftung u.a. für einen Gastaufenthalt an der Yale University ausgezeichnet worden, war Max Kade Distinguished Visiting Professor an der University of Cincinnati und kooperiert mit Germanistiken in Namibia, Südafrika und Togo. Zu ihren jüngsten Publikationen gehört der von ihr mit herausgegebene Band „Wie kommen die Menschenrechte in die Welt? Zur Aushandlung und Vermittlung von Menschenrechten“ sowie eine Serie von Aufsätzen zur Rezeption des transnationalen Kampfes um die Abschaffung der Versklavung in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts.
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2023
THEMAUm die Öffentlichkeit als Ort der argumentativen Auseinandersetzung ist es derzeit schlecht bestellt. Es scheint in allen Lagern vielfach darum zu gehen, abweichende Meinungen als indiskutabel zu diskreditieren. Was der eigenen Überzeugung zuwider läuft, wird als gefährlich gebrandmarkt und soll aus dem öffentlichen Raum, aus Verlagsprogrammen, Museen oder Lehrplänen verbannt werden, kritisieren die einen. Andere erklären den immer wiederkehrenden Streit als Entwicklungsprozess einer gerechter werdenden Gesellschaft. Aber wer hat nun recht? Und geht es wirklich darum, was wir noch dürfen? In jedem Fall scheint die Fähigkeit zur empathischen Auseinandersetzung mit den jeweils anderen nicht mehr hoch im Kurs zu stehen. Stattdessen herrscht vielerorts die Arroganz der eigenen Unfehlbarkeit. Und wo öffentlicher Streit eigentlich ausgetragen werden sollte, wird er abgesagt. Anlass für die Römerberggespräche, danach zu fragen, wie sich Vernunft im öffentlichen Diskurs noch herstellen lassen kann, wenn die Leitplanken immer enger werden. Welche Gründe gibt es, bestimmte Meinungen und Gedanken für nicht mehr diskussionswürdig zu halten, und wann kippt die gute Absicht in ihr selbstgerechtes Gegenteil, in Borniertheit oder gar Ignoranz? Wo bleibt zwischen Wokeness und Cancel-Culture der Raum vielleicht für eine Kultur der Konsequenz als ein konstruktives Ringen um die besten Lösungen für die drängenden Probleme der Gegenwart für alle?
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